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"Explosion-of-Emotion"
Digitalgrafik: mit freundlicher Genehmigung von
Frau Dr. Jutta Lindemann, Erfurt
www.lindaspixelwelten.de
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Es gibt dich
Hilde
Domin
Dein Ort ist
wo Augen dich ansehen.
Wo sich Augen treffen
entstehst du.
Von einem Ruf gehalten,
immer die gleiche Stimme,
es scheint nur eine zu geben
mit der alle rufen.
Du fielest,
aber du fällst nicht.
Augen fangen dich auf.
Es gibt dich
weil Augen dich wollen,
dich ansehen und sagen
daß es dich gibt.
Warum schreibe ich auf einem tiefenpsychologischen Blog über Gedichte? Weil ich finde, sie verdienen mehr Beachtung. Sie zeigen so viel aus dem Seelenleben eines Menschen! Wenn der Traum der „Königsweg zum Unbewussten“ sein soll,
sind Gedichte wenigstens der „Prinzenweg“. Nehmen wir zum Beispiel das oben zitierte Gedicht von Hilde Domin. Diese wenigen Zeilen bringen alles, was ich bisher über Objektbeziehungstheorien gelesen habe, so ziemlich auf den Punkt, und vermitteln darüber hinaus auch noch das beteiligte Gefühl. Psychodynamik pur, in kondensierter Form.
sind Gedichte wenigstens der „Prinzenweg“. Nehmen wir zum Beispiel das oben zitierte Gedicht von Hilde Domin. Diese wenigen Zeilen bringen alles, was ich bisher über Objektbeziehungstheorien gelesen habe, so ziemlich auf den Punkt, und vermitteln darüber hinaus auch noch das beteiligte Gefühl. Psychodynamik pur, in kondensierter Form.
Leider sind Gedichte nicht sonderlich „in“ heutzutage. Als ich einer Freundin neulich erzählte, dass ich ein großer Lyrik-Fan bin und viele Gedichtbände zuhause habe, in denen ich gerne lese, hat sie mich verblüfft gefragt: „Ja wie, und dann setzt du dich echt hin und liest einfach so Gedichte? So eins nach dem anderen? Oder wie machst du das dann?“
Auf der anderen Seite schreiben viele Menschen öfter mal Gedichte, so ganz spontan. Irgendwo habe ich gehört, dass deutlich mehr Gedichte geschrieben als gelesen werden. Das kann ich mir gut vorstellen.
Vermutlich liegt es daran, dass man sich in Gedichten gut ausdrücken kann – sie sind kurz, verdichtet eben, es gibt sie in allen erdenklichen Formen und Spielarten. Primärprozesse sind an ihrer Entstehung beteiligt, sie sind auf Emotionen fokussiert, bedienen sich häufig einer Bildersprache, sind nah am seelischen Erleben des Verfassers dran und können eine gute Möglichkeit sein, sich von eigenen Gefühlen zu entlasten.
Aber aus eben diesen Gründen, weshalb es attraktiv sein kann, ein eigenes Gedicht zu verfassen, kann es schwer fallen, Gedichte anderer zu rezipieren. Wenn es um verdichteten emotionalen Ausdruck anderer geht, dann können Gedichte unzugänglich scheinen, oder einfach langweilig und kitschig. Manchmal lösen sie sogar Aversionen aus, häufiger wohl eher freundliches Desinteresse. Ich könnte mir auch unbewusste Abwehrprozesse vorstellen, die durch Gedichte aktiviert werden, wenn sie schwierige, archaische oder sogar traumatische Gefühle transportieren, wie zum Beispiel dieses hier:
Welt
Nelly Sachs
Welt, frage nicht die Todentrissenen
wohin sie gehen,
sie gehen immer ihrem Grabe zu.
Das Pflaster der fremden Stadt
war nicht für die Musik von Flüchtlingsschritten gelegt worden –
Die Fenster der Häuser, die eine Erdenzeit spiegeln
mit den wandernden Gabentischen der Bilderbuchhimmel –
wurden nicht für Augen geschliffen
die den Schrecken an seiner Quelle tranken.
Welt, die Falte ihres Lächelns hat ihnen ein starkes Eisen ausgebrannt;
sie möchten so gerne zu dir kommen
um deiner Schönheit wegen,
aber wer heimatlos ist, dem welken alle Wege
wie Schnittblumen hin –
Aber, es ist uns in der Fremde
eine Freundin geworden: die Abendsonne.
Eingesegnet von ihrem Marterlicht
sind wir geladen zu ihr zu kommen mit unserer Trauer,
die neben uns geht:
Ein Psalm der Nacht.
Noch ein Grund, warum Gedichte mehr Beachtung finden sollten – trotz aller historischen und kulturellen Kontexte, in denen sie entstanden sind, sind sie oft zeitlos. Den hier von Nelly Sachs in den 50er Jahren entstandenen Text finde ich aktueller denn je, bedenkt man das darin behandelte Thema Flucht, Heimatlosigkeit und Trauma.
Welt
Nelly Sachs
Welt, frage nicht die Todentrissenen
wohin sie gehen,
sie gehen immer ihrem Grabe zu.
Das Pflaster der fremden Stadt
war nicht für die Musik von Flüchtlingsschritten gelegt worden –
Die Fenster der Häuser, die eine Erdenzeit spiegeln
mit den wandernden Gabentischen der Bilderbuchhimmel –
wurden nicht für Augen geschliffen
die den Schrecken an seiner Quelle tranken.
Welt, die Falte ihres Lächelns hat ihnen ein starkes Eisen ausgebrannt;
sie möchten so gerne zu dir kommen
um deiner Schönheit wegen,
aber wer heimatlos ist, dem welken alle Wege
wie Schnittblumen hin –
Aber, es ist uns in der Fremde
eine Freundin geworden: die Abendsonne.
Eingesegnet von ihrem Marterlicht
sind wir geladen zu ihr zu kommen mit unserer Trauer,
die neben uns geht:
Ein Psalm der Nacht.
Noch ein Grund, warum Gedichte mehr Beachtung finden sollten – trotz aller historischen und kulturellen Kontexte, in denen sie entstanden sind, sind sie oft zeitlos. Den hier von Nelly Sachs in den 50er Jahren entstandenen Text finde ich aktueller denn je, bedenkt man das darin behandelte Thema Flucht, Heimatlosigkeit und Trauma.
Deshalb glaube ich, sich einfach mal hinzusetzen und ein Gedicht zu lesen, kann sich lohnen. Vor allem, wenn man sich beruflich mit dem menschlichen Seelenleben beschäftigt. Und für uns Ausbildungskandidaten hat Gedicht statt Lehrbuch ja vielleicht erst recht seinen Reiz…!
© MBar 2018
HIP - Ausbildungsteilnehmerin Jhg 2014
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