Dienstag, 5. Februar 2019

Fragen fragen IV


Eine Patientin erklärt Ihnen in der ersten Probesitzung auf die Frage, ob sie sich nach dem Erstgespräch noch Gedanken gemacht habe, „nein, nicht so direkt. Meine Freundin hat mich gefahren und wir haben dann die Gelegenheit genutzt, noch zusammen shoppen zu gehen“.


Zu dieser Frage fällt mir spontan eine Intervisionsgruppe mit einer Kollegin ein, bei der wir viel gelacht haben. Eigentlich habe ich die Kollegin überreden wollen, selbst etwas dazu zu schreiben, aber sie meinte leider, sie sei „nicht gerade eine Schreiberin“.
Wir hatten vor vier Wochen ausführlich über eine Erstbegegnung geredet, die sie mit einem, wie sie glaubte, „ziemlich narzisstischen“ Mann geführt hatte. Er war in einem künstlerischen Beruf tätig, hatte seit vielen Jahren Probleme mit Depressionen und in seinen Partnerbeziehungen. Wir hatten überlegt, ob er besser in einem tiefenpsychologischen oder analytischen Setting behandelt werden sollte. Wir tendierten schließlich zu einem analytischen Vorgehen und sie hatte vor, ihm das in der zweiten Sitzung vorzuschlagen. 
Als wir uns kürzlich wieder in unserer Gruppe trafen, fragte ich die Kollegin, wie es mit dem Künstlergenius weiter gelaufen war. Sie erzählte, sie hätte ihn gleich beim nächsten Termin gefragt, ob er sich nach dem Erstgespräch noch irgendwelche Gedanken gemacht habe. Da habe er seinen Kopf in den Nacken gelegt und überlegt, so als müsse er sich erst einmal in Ruhe an ihrer beider erste Begegnung erinnern, und dann sinniert: „Ach, nein! Wissen Sie, ich bin ein Mensch, der nie grübelt.“ Da habe sie sich gedacht: ‚Na, dann warte mal ab, mein Freund; wie gut, dass ich mich bei dir für eine deftige Portion Übertragungsdruck entschieden habe!‘

21.02.2019
Doris Normann
HIP Dozentenkreis



Ja, diese Frage in der zweiten probatorischen Sitzung ist mit einem erheblichen Risiko befrachtet. Nicht nur für den Therapeuten, denn er möchte doch wichtig sein und wahrgenommen werden, besonders mit seinen psychotherapeutischen "Spezialitäten". Denn die tiefenpsychologische Therapie, die Psychoanalyse oder die Gruppentherapie gibt es ja nicht umsonst… Immerhin ist die Patientin zum zweiten Gespräch gekommen und hat nicht  abgesagt, oder einfach "geschwänzt".
Also am Anfang des zweiten Vorgespräches  lieber eine Frage als ein  erwartungsvolles oder gelangweiltes Schweigen?  
Nun, manchmal darf die Therapeutin oder der Therapeut am Anfang auch eine Weile den Mund halten. Nicht schlecht, aber die meisten Patienten schauen mich dann schon nach kurzer Zeit auf eine Weise an, die mich an den liebeshungrigen Blick meiner Hündin erinnert. Und nicht nur Liebe wird erwartet, sondern "Leckerli", was meint, den Dauerhunger stillen. 
Ja, und wie anfangen? Erst einmal "Vielleicht"? ...Na ja, "Vielleicht gibt es noch den einen oder anderen Gedanken nach dem ersten Gespräch?" Und ich höre: "Nein, nicht so direkt". Und das höre ich meistens… Und dann an Ihrem Beispiel: "Die Freundin hat mich gefahren, und wir haben die Gelegenheit genutzt, noch zusammen shoppen zu gehen." Mag sein, die Patientin in diesem Fallbeispiel kommt von außerhalb, und dann ist Heidelberg ja ein Eldorado fürs Shoppen. Ehrlich gesagt, hätte mich das näher interessiert: "Shoppen…?" Ich denke gleichzeitig, dass sich die noch recht junge Frau, ich schätze sie auf um die 30, immerhin selbst versorgen kann. Sie hat eine Freundin, und die beiden Frauen können sich nach der Begegnung mit einem Psychotherapeuten noch etwas Gutes gönnen, was sie sich selbst aussuchen können. Vielleicht wurde der Therapeut empfohlen, wer weiß von wem? Das soll auch eine Bedeutung haben. 
Denn Frau weiß ja nicht im Voraus, was sie bei so einem Psychologen erwartet. Ich werde auch meistens als Psychologin angesprochen, obwohl auf dem Schild vor dem Eingang zu meiner Praxis deutlich zu lesen ist, dass ich auch Ärztin bin.  Ich erinnere mich an die eigenen Erstgespräche, die ja zur psychotherapeutischen und psychoanalytischen Ausbildung gehören. Und deshalb ist ja die Selbsterfahrung so wichtig. Wie habe ich mich da gefühlt, was habe ich nicht alles erlebt? Ach, ich könnte ein kleines Buch schreiben: „Meine Erstgespräche", frei nach Thomas Bernhards kleinem Buch "Meine Preisel", das ich gerne empfehle. 
Ja, so ein erstes Gespräch könnte ja auch ganz schrecklich ausgehen. Und dann gehört es sich einfach, dass eine Freundin das Auto fährt und dann auch tröstet, wenn es nötig ist. 
Ja, und wer kann einer Frau schon mehr bieten als eine Modeboutique?? Mich würde diese Aussage nicht irritieren, ich könnte mir Gedanken zu der ersten Begegnung mit dieser Frau machen, denn jetzt steht die Frage an, "was hat die Therapeutin nach dem ersten Gespräch noch behalten, hat sie überhaupt zugehört? Hat sie sich hoffentlich, auch in ihrer Freizeit, noch Gedanken zu mir gemacht??... Dafür hat sie doch keine Zeit, denn da kommt doch gleich der nächste Patient." Vielleicht arbeitet der Therapeut in einer kostengünstigeren Gemeinschaftspraxis mit Wartezimmer. Und überhaupt, was bedeutet es, wenn die Patientin sogar einen Fragebogen im vorab ausfüllen musste. 
"Dann könnte der Therapeut ja mal eine Zusammenfassung geben, wenn ich so viel "geliefert" habe. 
Vielleicht hätte ich die Patientin sogar gefragt: "Und haben Sie etwas Passendes gefunden"...? Und meine weiteren Gedanken: "Bin ich überhaupt ,passend' für diese Patientin? Entspreche ich der aktuellen Mode? Was muss ich bezahlen, wenn ich kaufe?" 
Und besonders wichtig: Was erinnere ich aus dem Erstgespräch???


05.02.2019
Dr.med. Renate Kremer,
HIP Dozentenkreis
Psychoanalytikerin
Gruppenanalyse
Heidelberg

Mittwoch, 9. Januar 2019

Abstinenz? Ein weites Feld!


Corpus delicti


Große Worte bei Sigmund Freud, dem ich meine anhaltende Freude an der Psychoanalyse verdanke. Aber "Freude" sollte die Arbeit mit Patienten, die ja leidend kommen, vielleicht nicht bereiten (dürfen)? Schon der Verdacht einer Abstinenzverletzung?
"Nicht nur", schreibt er 1915, "bleibt für den Psychoanalytiker das Nachgeben ausgeschlossen, sondern der Analytiker sollte den Patienten dahin führen, das Lustprinzip zu überwinden und auf die sofortige Befriedigung zu verzichten, zugunsten einer anderen weit entfernteren, von der in jedem Fall gesagt werden kann, sie sei überhaupt unsicherer". Und dann noch 1918: "Die Kur sollte so weit wie möglich in der Entbehrung - Abstinenz - durchgeführt werden."
Nun, was geht die Tiefenpsychologen die Psychoanalyse und dann noch Sigmund Freud nach so viel Jahren an?? Reichlich viel, und ich versichere, es ist lohnenswert, ihr einen Platz im psychotherapeutischen Leben einzuräumen. 

Heute habe ich wahrscheinlich die schlimmste Abstinenzverletzung meiner ganzen Tätigkeit als Psychoanalytikerin  begangen.

Donnerstag, 22. November 2018

Die andere Seite des Berges - Replik auf "Bergsteigen lernen"



In „Bergsteigen lernen“ haben wir von der Autorin eine Seite der „leiseren“ Formen von Abstinenzverstößen zu lesen bekommen. So einleuchtend ich das finde und so richtig das auch ist, schien es mir beim Lesen spontan wichtig, diese Seite der leisen Abstinenzverstöße um noch eine andere, mir ebenso wichtig erscheinende Seite zu ergänzen! 
Denn die Argumentation der Autorin spielt aus meiner Sicht möglicherweise zu sehr in die Hände derer, die längere Behandlungen pauschal für unnötig oder gar schädlich erachten. Von den Krankenkassen mal ganz abgesehen. 
Ich möchte daher das Thema des narzisstischen Missbrauchs auch noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten und ergänzen:  Wie ist es denn, wenn Therapeuten manche Patienten z.B. aus einer Kränkung heraus wegschicken oder trotz Notwendigkeit eben nicht verlängern, ohne sich besonders um Reflexion der therapeutischen Beziehung zu bemühen oder Supervision/Intervision einzuholen? Ist das im weiteren Sinne nicht auch eine subtile Form narzisstischen Missbrauchs, auch wenn man an so etwas erstmal vielleicht nicht denkt? Denn da geht es ja schließlich auch primär um die narzisstischen Bedürfnisse der entsprechenden Therapeuten, und nicht primär um das Wohl des Patienten. Um mit solchen (dann als „schwierig oder „nicht therapiefähig“ deklarierten) Patienten weiterzuarbeiten, müssten sie potenzielle Schwierigkeiten in der Behandlung offenlegen, sie müssten sich eingestehen, dass es nicht einfach „die Pathologie“ des Patienten ist, die die Behandlung blockiert, sondern vielleicht (auch) eigene Überforderung, eine dem Patienten gegenüber unangemessene therapeutische Haltung oder Interventionstechnik. Schlicht und ergreifend – sie müssten sich mit einer potenziellen Kränkung auseinandersetzen, mit ihren eigenen Grenzen und Schwächen. 
Diese Art von Kolleginnen und Kollegen bleiben vielleicht eher unsichtbar, weil sie eben NICHT mit anderen KollegInnen, sei es in Intervisionen oder Supervisionen, über diese Schwierigkeiten sprechen. Weil sie froh sind, diese Patienten dann los zu sein und sich – ebenso wie die „rent a friend“-Kandidaten – auf andere Art auch nicht mit ihrem eigenen potenziellen „Scheitern“ auseinandersetzen müssen. Das wird dann wahrscheinlich oft rationalisiert. Letztlich kann man ja alles im Nachhinein irgendwie therapeutisch begründen, sofern es nicht offensichtliche Übergriffe oder Verletzungen ethischer Normen sind. Plötzlich wird aus einer Zwei-Personen-Psychologie bzw. „Beziehungs“-Psychologie doch wieder die alt bekannte und (mir meist eher verdächtige) Ein-Personen-Psychologie, in der alles dem Patienten zugeschoben wird. Und man selbst ist fein raus...


© MBar 2018
HIP - Ausbildungsteilnehmerin Jhg 2014

Freitag, 19. Oktober 2018

Bergsteigen lernen


"Von sich abseh´n lernen ist nötig, um viel zu sehn –
diese Härte tut jedem Berge-Steigenden Not" *


Das sogenannte Abstinenzgebot verlangt vom Psychotherapeuten, dass er sich während seiner Arbeit weder offen noch „undercover“ eigene Bedürfnisse erfüllt; nun werden die meisten in anderen Metiers arbeitenden Menschen an dieser Stelle anmerken, die Therapeuten sollten nicht soviel Wind darum machen, denn es sei wenig wahrscheinlich, dass ein Postbediensteter hinterm Schalter oder ein chirurgischer Chefarzt, der seit fünfeinhalb Stunden übermüdet in einer alkoholkranken Leber herumwurschtelt, sich arbeitend persönliche Bedürfnisse erfüllten. Aber so einfach ist die Lage nicht.

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Aktuelle Überlegungen zur Abstinenz


Liebe Leserin, lieber Leser!
Abstinenz zu betrachten ist nicht einem bestimmten Themen- oder Personenkreis vorbehalten - weder dem Blickwinkel der katholischen Kirche, den gängigen Therapiekonzepten der Alkoholsucht, noch der Berufsgruppe der Psychotherapeuten. Im Grunde meint der Begriff der Abstinenz die Frage, ob und wie es gelingen kann, den Wunsch nach der Befriedigung eigener Bedürfnisse bei der Interaktion mit stofflichen oder nichtstofflichen Versuchungen zu erkennen und zum eigenen und/oder fremden Wohle herauszuhalten. Auch zwischenmenschliche Kontakte können Versuchungen sein – zu  Machtgier, Geldgier, Gier nach Anerkennung, nach Gebrauchtwerden, zur Suche von existentiellem Sinn oder von Sexualität.
Aus – nicht nur, aber auch – aktuellem Anlass haben wir, die Redaktion, beschlossen, bei der Publikation von Posts uns des Themas ‚Abstinenz in der Psychotherapie‘ zukünftig immer wieder einmal anzunehmen. Wir hoffen, damit einen Beitrag zu leisten, die Sensibilität hierfür wachzuhalten und unsere Leser, vor allem aber auch potentielle Schreiber zu ermutigen, sich Gedanken zur Abstinenz zu machen. Ihre Beiträge und Kommentare sind willkommen!
Wenn wir im Folgenden mit einem Post beginnen, der vorwiegend die nichtsexuellen Formen therapeutischer Abstinenz in den Blick nimmt, so wollen wir damit weder aktuell diskutierte sexuelle Formen der Grenzverletzung relativieren noch gar von ihnen ablenken. Wir wollen stattdessen einen möglichst breiten Raum eröffnen, in dem Abstinenz erkannt, betrachtet, diskutiert und … im therapeutischen Tun verwirklicht werden kann.

 „Hips Gedankengut“ - Die Redaktion