Freitag, 20. September 2019

Bisschen Sicherheit



Die ganze Sache mit der Psychoanalyse hatte ja zu FREUDs Zeiten Anfang des 20. Jahrhunderts ziemlichen Erfolg, vor allem in der erlauchten Welt seiner damaligen Patienten, seiner hingebungsvoll forschenden Schüler und seiner oftmals breit gebildeten Kollegen. Dann kam die allgemeine Psychologie auch langsam an die Universitäten als neue Disziplin. In der breiten Öffentlichkeit nach dem zweiten Weltkrieg hatte die psychoanalytische Seelenkunde allerdings einen schwierigen Start.       

Denn es wurden die Phänomene des Unbewussten doch tatsächlich schon in den darauf folgenden fünfziger Jahren mir nichts, dir nichts, in der Werbung eingesetzt. In Amerika natürlich, Wiege des Schlechten und nie versiegende Quelle aller Kulturkritik. Wer will schon Coca Cola trinken, Mövenpick-Eis essen und Mercedes fahren, bloß weil sein Hirn auf Wegen, die er nicht versteht, manipuliert wurde… also besser gesagt, Eis essen und Mercedes fahren wollen wir schon, aber bitte absichtlich und voll bewusst und nicht als willenloses Opfer von FREUD & Co. 

Später, in den Siebzigern und Achtzigern, kam dann aber doch noch die ganz große Zeit der Psychoanalyse. Man analysierte alles, nicht bloß Patienten mit Depressionen, Schluckbeschwerden oder Fahrstuhlängsten, sondern Helmut Kohl, Bücher von Kafka, das Wettrüsten, ungewollte Kinderlosigkeit, Wagner-Opern, Ehen und Rassenhass, prämierte Kinofilme mit zumeist verstörenden Botschaften, psychotische Zustände Einzelner und Probleme ganzer Institutionen. Die Psychoanalyse sollte als Spiegel der Gesellschaft fungieren – und tat es auch. Dementsprechend gab es Themengebiete sowohl bei den Diagnosen als auch bei den Behandlungsansätzen, die sich je nach Zeitgeist ablösten. Narzissmus und falsches Selbst sowie das Drama des begabten Kindes gehörten noch zu den Zeiten der 68er-Bewegung, dann kamen der sexuelle Missbrauch, später das Mobbing und zuletzt das Trauma. Schaden zugefügt bekommen in einer immer komplizierter werdenden Welt – das war ein sich mehr und mehr auftürmendes Riesenthema, und prompt kommen zunehmend Begriffe und Konzepte auf, wie man sich davor schützen konnte: allen voran die Sicherheit.

Die Sehnsucht nach Sicherheit ist mir in den letzten Jahren auch in der Werbung aufgefallen (Achtung, die Gefahr für den naiven Konsumenten ist, sofern er über ein Unterbewusstsein verfügt, also nicht gebannt!). Alles kann man sich sichern, meistens gleich, für Antriebsgestörte, vom wohlwollenden Anbieter in den Imperativ gesetzt: Sicher´ dir das Kombisparpreismegaticket! Jetzt Rabattvertrag sichern! Sicher´ dir deine Domain! und Sichern Sie sich noch heute einen Magnumpremiumextrakasten Hefeweizen! In der Psychotherapie wird auch dauernd gesichert, man übt den inneren sicheren Ort, alles ist qualitätsgemanagt, damit ausgeschlossen werden kann, dass der Spülkasten in der Toilette einem Patienten auf den linken Vorderfuß fällt oder der Therapeut über der nordsibirischen Steppe einen Flugzeugabsturz erleidet und der Patient ist nicht rechtzeitig informiert. Die Psychologen sind bei jeder Katastrophe „vor Ort“. So gehört es heute zum journalistischen Ritual, dass zur Meldung von Busunfällen, Amokläufen in Schulen, Banküberfällen, Fährunglücken und Diskothekenbränden in den Hauptnachrichten stets beruhigend wie das Amen in der Kirche angefügt wird: Psychologen sind zur Betreuung der Angehörigen eingetroffen. Na, dann ist ja jeder versorgt!?

Ein kleines, beinahe wie ein zärtliches Kinderlied klingendes Lied der Gruppe „Silbermond“ kommt mir in den Sinn, das monatelang in den deutschen Charts war:


Gib mir 'n kleines bisschen Sicherheit
in einer Welt, in der nichts sicher scheint.
Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas, das bleibt.
Gib mir einfach nur 'n bisschen Halt,
und wieg mich einfach nur in Sicherheit. * 


Es ist sehr reizvoll, sich zu fragen, was wohl als nächstes kommt. Herr Grebe schrieb vor über einem Jahr in seinem Juli-Beitrag 'Vom Verschwinden der Dinge' von Überforderungsgefühlen in einer immer komplexer werdenden Welt, die hohe Ansprüche generiert. In der Werbung scheint sich seit einigen Monaten ein neuer Begriff einzuschleichen: „Kassieren“. Sei nicht blöd! Jetzt online Antrag stellen und Prämie kassieren! Wenn ich das jetzt mal versuchsweise auf Therapeuten und Patienten transformiere – deutet sich da zweifellos das Thema Nehmen statt Geben an, und mit ihm die beobachtbare Verfremdung therapeutischer und identifikatorischer Mechanismen im Dienste der "kannibalischen Dynamik der Konsumgesellschaft" (SCHMIDBAUER**).  Ich bin bereit, mich dieser neuen Dynamik zu stellen - vorausgesetzt, es passiert nicht gegen meinen Willen.




*   das offizielle Musikvideo des Songs 2009 gibt es hier zum Nachhören und - sehen


**  Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft. Oekom Verlag, München, 2017



Doris Normann
HIP - externer Dozentenkreis

Mittwoch, 28. August 2019

Neuer Kommentar zur Buchrezension "Ein wenig Leben"


Lieber Leser,

vor einigen Tagen wurde hier im Blog ein ausführlicher Kommentar veröffentlicht als Replik auf Amelie Werners Buchrezension des Romans "Ein wenig Leben" (von H. Yanagihara). Hier ist der link zur Rubrik "Lesenswert"

Therapeutsein zwischen Brandrede und fragilen Theorien

geschrieben von Jan-Erik Grebe, HIP Dozentenkreis und ehem. Jhg. 2010


Samstag, 27. Juli 2019

Mitfühlen durch den Frostschutz hindurch - neue Buchrezension



Lieber Leser,

es gibt eine neue Rezension, die das Buch "Altes Land" von D. Hansen behandelt. Mit freundlicher Empfehlung der Redaktion hier der link zu unserer Rubrik "Lesenswert!"


"Altes Land" von Dörte Hansen

vorgestellt  von Charlotte Schieber, HIP Jhg. 2017


Sonntag, 7. Juli 2019

Jenseits des Kaninchendrahts - Replik auf "Hasenhaltung"



lockeres  Stroh,
noch  nicht  festgetreten



Wow! Ein beziehungsdynamischer Kracher wurde kurz nach Ostern in diesem Blog präsentiert, diesmal zur Beziehung zwischen Ausbildungsteilnehmern und Dozenten, der das attraktive David-versus-Goliath-Thema scharfzüngig aufgreift, das Ganze auch noch verfasst von einem Ausbildungsteilnehmer.