Sonntag, 4. Juli 2021

Selbstversuch - Überlegungen zur sogenannten Lehrtherapie

Der anregende Beitrag Frau Schiebers zur Rollenverwirrung (vom 26. Mai) hat mich an weitere Rollenkonfusionen erinnert: an die unterschiedlichen, sich vielleicht sogar widersprechenden Delegationen, denen die Lehrtherapie ausgesetzt ist, und an das entsprechende Multitasking der Lehrtherapeuten.
Analytisch orientierte Psychotherapeuten* gehören zu jenen Leistungserbringern unseres Gesundheitswesens, die sich erst selbst ihrem angepriesenen Verfahren unterziehen müssen, bevor man sie auf die neurosengeplagte Menschheit loslässt. Dieses Vorgehen erscheint erkenntnistheoretisch ziemlich revolutionär und wurde von Freud zu Beginn der Professionalisierung der Psychoanalyse ursprünglich mit dem Ziel eingeführt, dass der Anfänger darin „unterwiesen“ werde, die Wirkweise des Unbewussten zu studieren. Außerdem ist das Prinzip ausgesprochen verbraucherfreundlich. Als Schulkind las ich mit Begeisterung die Autobiographie eines Chirurgen mit dem Titel „Selbstversuch“. Dort schildert der begnadete heroische Doktor, wie er sich selbst einen Rechtsherzkatheter geschoben hat. In der körperbezogenen Heilkunde ist so etwas aber die Ausnahme geblieben. Wer will auch schon lernen, wie man sich selbst beispielsweise eine neue Augenlinse einsetzt? 
Bei der Ausbildung zum tiefenpsychologischen oder analytischen Therapeuten wird die zu erlernende Therapiemethode unabhängig vom aktuellen persönlichen Symptomscore an der eigenen Seele durchlaufen. Immerhin muss man sich nicht selbst therapieren, sondern das erledigt der Lehrtherapeut. Man liegt oder sitzt also in der Patientenrolle und begegnet seinen dunklen Ecken, die einen in früheren Lebensphasen bewogen haben, die Psychologie ganz interessant zu finden, und irgendwann später hatte man sich darauf eingelassen und fand da so schnell nicht mehr heraus. Tatsächlich gibt es sehr wenige Abbrecher in der Ausbildung, wenn man das z.B. mit Lehramtsstudenten der Pädagogischen Hochschule vergleicht («Das Studium fand ich toll, aber am Ende wurde mir klar, dass das mit den Schülern nicht so mein Ding ist.»). Auch für die Lehrtherapie selbst ist belegt, dass diese – wie auch ihr ausführlicheres Format, die Lehranalyse – deutlich weniger Abbrüche hervorbringt als ihre genuin therapeutischen tiefenpsychologischen oder analytischen Varianten. Es ist naheliegend anzunehmen, dass die identifikatorischen Bedürfnisse des zukünftigen Therapeuten, in harmonischer Vereinigung mit den apostolischen Impulsen der Lehrer, ihre Überzeugungen weiterzugeben, hierbei am Werke sind. Otto Rank formulierte in diesem Sinne ein damaliges psychoanalytisches Gemeingut: „In der sogenannten ‚Lehranalyse‘ mag es angehen, den Schüler auf der Identifizierungsstufe mit dem Analytiker zu entlassen, da ja das eingestandene Ziel ist, dass er seinem Analytiker ähnlich werde“(¹). Der von Frau Schieber postulierte „Raum, damit das zwischen verschiedenen Über-Ichen (dem eigenen, dem der Supervisor*innen, dem der „Zunft“) eingeklemmte Ich wieder atmen und sich entdecken kann…“ erscheint umso notwendiger, um den zukünftigen Therapeuten aus ödipalen Bindungen zu befreien und mit einem starken Ich auszustatten.
Bei der Bewertung des seit Jahrzehnten kritisch diskutierten Konstrukts Lehrtherapie streiten sich die Geister; die einen meinen, sie sei essenziell, damit die späteren Therapeuten zum Juwel poliert ihr Lebenswerk anträten. Freud ging sogar soweit, Verlauf und Ergebnis als Kriterium einer Berufseignungsprüfung zu erheben, der Lehranalytiker hatte die Funktion des Lehrers und zugleich Prüfers, und ihm sollte diese Form der Lehr-Lernmethode „…ein Urteil ermöglichen, ob der Kandidat zur weiteren Ausbildung zugelassen werden kann“(2)  - ein mittlerweile gottlob überwundenes Leck der Schweigepflicht. Die anderen meinen, das Ganze sei ein bisschen übertrieben und außerdem idealisiert, und wenn jemand eine 1000-stündige Lehrtherapie hinter sich habe (dies war in vielen Instituten der Durchschnitt in den späten 1980er Jahren), bezeuge das eher, dass er ein großzügiges Erbe erhalten habe und/oder besonders neurotisch sei, als dass er nun einem seelengereiften Hochkaräter in stabiler Fassung gleichkomme. 
Bereits bei der Namensgebung herrscht Verwirrung: Die aktuellen Aus- und Weiterbildungsordnungen benutzen das Wort Selbsterfahrung und reihen diese unter dem Oberbegriff der „Handlungskompetenz durch Erfahrung und Fertigkeiten“ ein; führt also Selbsterfahrung zur Handlungskompetenz? Oder ist dies alles doch treffender, wie oft im Jargon zu hören, als Lehrtherapie bezeichnet, und wenn ja, gibt es denn so etwas überhaupt, eine Therapie im Gewand der Lehre?
Entsprechend umstritten ist die Frage, auf welche Zielsetzungen es bei der Durchführung eigentlich ankomme; sollen zukünftige Therapeuten in Form eines Heilungs- oder doch eher infolge eines Forschungseffektes erfahren, dass und wie ihre eigene Methode an ihnen wirkt? Wie soll dies unter Beachtung psychoanalytischer Grundsätze gelingen, wenn es gleichzeitig in geschlossenen institutionellen Systemen ein verbindlicher Ausbildungsbaustein ist? Wo wir doch bei den „echten“ Patienten gelernt haben zu fragen, warum kommt der Patient gerade jetzt, und eine differentielle Diagnostik und Therapie anschließen. Oder sollen angehende Behandler die Technik der Durchführung einer Therapie aus nächster Nähe, geleitet vom Vorbild eines Meisters studieren - etwa so, wie der angehende Chirurg neben dem Chefarzt am Operationstisch steht - um diese dann später fachkundig selbst an anderen Menschen anwenden zu können? Wie aber kann hierbei vermieden werden, dass der Meister imitiert wird, wo er doch offiziell als Meister tituliert ist? Oder soll dies gar nicht vermieden, eventuell sogar gefördert werden? Vielleicht sollen die zukünftigen Psychotherapeuten aber vor allem, jenseits eines therapeutischen Veränderungszieles oder technischen Versiertheitsanspruches, im Dienste einer Selbsterfahrung klarer sehen, wie sie selber ticken (die berühmte Säuleninschrift in der Vorhalle des Delphi´schen Orakels befolgen und sich selbst erkennen). Es stellen sich unübersichtliche Fragen, zumal wenn man sich vor Augen führt, dass dieses Mehrfachfunktionsgebilde in eine Pflichtveranstaltung während der Ausbildung hineingedrückt ist wie die berühmte Gurkenscheibe ins Sandwich. Spätestens hier wäre die Fähigkeit zur Quadratur des Kreises sowohl für Ausbildungsteilnehmer als auch für Selbsterfahrungsleiter keine schlechte Voraussetzung.
Mich stimmt es in vielerlei Hinsicht nachdenklich, dass die ausbildungsbegleitende Selbsterfahrung, von Freud zunächst als Selbstanalyse bezeichnet und mit Hilfe seines besten Freundes Fliess realisiert, in Form einer Lehranalyse als essenzieller Baustein der Professionalisierung etabliert wurde, aber bis heute keine Studie überzeugend zu belegen vermag, ob und in welcher Form sie im Endeffekt bessere Therapeuten hervorbringt. Auch der in der weiteren Entwicklung der institutionellen Ausbildung beobachtbare Versuch „je tiefer, je besser“ mit Sitzungszahlen, die diejenigen zu Freuds Zeiten um ein Zehnfaches überstiegen, hat keine Zufriedenheit erbracht – ebenso wenig wie die Abspeckung des vorgeschriebenen Kontingentes und Settings im Rahmen verschlankter Ausbildungsgänge. Dass sie gar Symptome kurieren solle, war ursprünglich nicht Motor des Unterfangens; so propagierte Freud, die Lehranalyse unterscheide sich von der Regelanalyse, da sie ja an Gesunden angewandt werde (sic!) und von daher keine therapeutische Zielsetzung verfolge. 
In der Anfangszeit meiner psychotherapeutischen Weiterbildung habe ich einmal ein privates Essen für ein paar Kollegen veranstaltet, und ich erinnere mich an das Gesprächsthema beim Dessert. Es ging darum, dass einige ihre zweite und eine Kollegin sogar die dritte Analyse planten; eine «echte», weil außerhalb der Ausbildung gelegen und daher bei selbsterwählten Behandlern und jenseits von «Abhängigkeiten». Das Phänomen hatte schon Anna Freud nicht ohne Süffisanz beschrieben.
 All diesen Einschränkungen zu Trotze ist aber eines sicher: Die sogenannte Lehrtherapie führt dazu, dass all die Therapeutinnen und Therapeuten in ihren weißen Seelenkitteln früher in ihrem Leben schon einmal in der „Patientenrolle“ gewesen sind… und dieser Umstand könnte zu einer gewissen Demut beitragen. Da sollte es doch ziemlich menscheln beim Behandeln. Auch nicht schlecht, wo wir es doch so oft mit Göttergleichen zu tun haben!

*Aus Gründen besserer Lesbarkeit wurde auf eine genderbewusste Schreibweise verzichtet. Im gesamten Text sind unter der grammatikalisch männlichen Form auch die weiblichen Vertreterinnen gemeint.
(1) Rank, O.: Grundzüge einer Genetischen Psychologie auf Grund der Psychoanalyse der Ichstruktur. II. Gestaltung und Ausdruck der Persönlichkeit. Leipzig und Wien: Deuticke (1928)
(2) Freud, S.: Die endliche und die unendliche Analyse. GW Bd. 16, S. 57-99
Photos: privat

Doris Normann
HIP – externer Dozentenkreis

2 Kommentare:

  1. Die Lehranalyse wurde nicht von Freud, sondern von Sándor Ferenczi (1873 - 1933) eingeführt. Sein Analysand Ernest Jones rühmte sich, der erste Lehranalysand gewesen zu sein. Vielleicht interessant, was die Evaluation dieser Lehranalyse anging: Ernest Jones war einer der aktivsten Protagonisten, die den Ruf Ferenczis per Pathologisierung zerstören wollten. Michael Balint hat dem noch 1958 widersprochen: Balint, M. (1958): Letter to the Editor: Sandor Ferenczis Last Years. Intern a tional Journal of Psychoanalysis 39, 68.

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  2. Vielen Dank für Ihren informativen Kommentar! Und auch für diese interessante Quellenangabe.
    Freundliche Grüße

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