Eine Patientin erklärt Ihnen in der ersten Probesitzung auf die Frage, ob sie sich nach dem Erstgespräch noch Gedanken gemacht habe, „nein, nicht so direkt. Meine Freundin hat mich gefahren und wir haben dann die Gelegenheit genutzt, noch zusammen shoppen zu gehen“.
Psychotherapie und psychotherapeutische Ausbildung: Nachdenkliches, Zeitkritisches, Humorvolles und Lehrreiches aus der Heidelberger Tiefenpsychologie - Szene
Dienstag, 5. Februar 2019
Mittwoch, 9. Januar 2019
Abstinenz? Ein weites Feld!
| Corpus delicti |
Große Worte bei Sigmund Freud, dem ich meine anhaltende Freude an der Psychoanalyse verdanke. Aber "Freude" sollte die Arbeit mit Patienten, die ja leidend kommen, vielleicht nicht bereiten (dürfen)? Schon der Verdacht einer Abstinenzverletzung?
"Nicht nur", schreibt er 1915, "bleibt für den Psychoanalytiker das Nachgeben ausgeschlossen, sondern der Analytiker sollte den Patienten dahin führen, das Lustprinzip zu überwinden und auf die sofortige Befriedigung zu verzichten, zugunsten einer anderen weit entfernteren, von der in jedem Fall gesagt werden kann, sie sei überhaupt unsicherer". Und dann noch 1918: "Die Kur sollte so weit wie möglich in der Entbehrung - Abstinenz - durchgeführt werden."
Nun, was geht die Tiefenpsychologen die Psychoanalyse und dann noch Sigmund Freud nach so viel Jahren an?? Reichlich viel, und ich versichere, es ist lohnenswert, ihr einen Platz im psychotherapeutischen Leben einzuräumen.
Heute habe ich wahrscheinlich die schlimmste Abstinenzverletzung meiner ganzen Tätigkeit als Psychoanalytikerin begangen.
Donnerstag, 22. November 2018
Die andere Seite des Berges - Replik auf "Bergsteigen lernen"
In „Bergsteigen lernen“ haben wir von der Autorin eine Seite der „leiseren“ Formen von Abstinenzverstößen zu lesen bekommen. So einleuchtend ich das finde und so richtig das auch ist, schien es mir beim Lesen spontan wichtig, diese Seite der leisen Abstinenzverstöße um noch eine andere, mir ebenso wichtig erscheinende Seite zu ergänzen!
Denn die Argumentation der Autorin spielt aus meiner Sicht möglicherweise zu sehr in die Hände derer, die längere Behandlungen pauschal für unnötig oder gar schädlich erachten. Von den Krankenkassen mal ganz abgesehen.
Ich möchte daher das Thema des narzisstischen Missbrauchs auch noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten und ergänzen:
Freitag, 19. Oktober 2018
Bergsteigen lernen
![]() |
"Von sich abseh´n lernen ist nötig, um viel zu
sehn –
diese Härte tut jedem
Berge-Steigenden Not" * |
Das sogenannte Abstinenzgebot verlangt vom Psychotherapeuten, dass er sich während seiner Arbeit weder offen noch „undercover“ eigene Bedürfnisse erfüllt; nun werden die meisten in anderen Metiers arbeitenden Menschen an dieser Stelle anmerken, die Therapeuten sollten nicht soviel Wind darum machen, denn es sei wenig wahrscheinlich, dass ein Postbediensteter hinterm Schalter oder ein chirurgischer Chefarzt, der seit fünfeinhalb Stunden übermüdet in einer alkoholkranken Leber herumwurschtelt, sich arbeitend persönliche Bedürfnisse erfüllten. Aber so einfach ist die Lage nicht.
Mittwoch, 17. Oktober 2018
Aktuelle Überlegungen zur Abstinenz
Liebe Leserin, lieber Leser!
Abstinenz zu betrachten ist nicht einem bestimmten Themen- oder Personenkreis vorbehalten - weder dem Blickwinkel der katholischen Kirche, den gängigen Therapiekonzepten der Alkoholsucht, noch der Berufsgruppe der Psychotherapeuten. Im Grunde meint der Begriff der Abstinenz die Frage, ob und wie es gelingen kann, den Wunsch nach der Befriedigung eigener Bedürfnisse bei der Interaktion mit stofflichen oder nichtstofflichen Versuchungen zu erkennen und zum eigenen und/oder fremden Wohle herauszuhalten. Auch zwischenmenschliche Kontakte können Versuchungen sein – zu Machtgier, Geldgier, Gier nach Anerkennung, nach Gebrauchtwerden, zur Suche von existentiellem Sinn oder von Sexualität.
Aus – nicht nur, aber auch – aktuellem Anlass haben wir, die Redaktion, beschlossen, bei der Publikation von Posts uns des Themas ‚Abstinenz in der Psychotherapie‘ zukünftig immer wieder einmal anzunehmen. Wir hoffen, damit einen Beitrag zu leisten, die Sensibilität hierfür wachzuhalten und unsere Leser, vor allem aber auch potentielle Schreiber zu ermutigen, sich Gedanken zur Abstinenz zu machen. Ihre Beiträge und Kommentare sind willkommen!
Wenn wir im Folgenden mit einem Post beginnen, der vorwiegend die nichtsexuellen Formen therapeutischer Abstinenz in den Blick nimmt, so wollen wir damit weder aktuell diskutierte sexuelle Formen der Grenzverletzung relativieren noch gar von ihnen ablenken. Wir wollen stattdessen einen möglichst breiten Raum eröffnen, in dem Abstinenz erkannt, betrachtet, diskutiert und … im therapeutischen Tun verwirklicht werden kann.
„Hips Gedankengut“ - Die Redaktion
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