Sonntag, 23. Januar 2022

Verständnisvolle Zwillingsschwestern (Über Sympathie und Empathie)

Beim Nachdenken über die psychotherapeutische Tätigkeit ahnt man eine gewisse Tragik des Berufsstandes. Wissen Therapeuten zu wenig, wie es sich anfühlt, mit der affektiven Befindlichkeit des Patienten in Resonanz zu treten, dann verstehen sie zu wenig von ihm und werden dessen persönliche Problematik nur bedingt nachvollziehen, unter Umständen nicht einmal korrekt diagnostizieren können. Sie nehmen zu wenig teil. Wissen Therapeuten stattdessen zu viel davon, weil es ihnen via Identifizierung mit den Nöten des Patienten selber so ergeht wie diesem, dann sind sie und ihre Arbeit über kurz oder lang gefährdet; denn das ständige Überschreiten und Rückgängigmachen der Ich-Du-Grenzen kann energetische Defizite und inhaltliche Unschärfen hinterlassen. Sie beobachten zu wenig. Eines ist dennoch klar: Ohne das „Wissen“ vom Seelenleben, einer theory of mind, sind weder eine theoretische Klärung seelischer Krankheitszustände noch eine hinreichende Fähigkeit im Umgang mit seelisch Kranken zu erwarten.



Doch was ist mit „Wissen“ eigentlich gemeint? Bei der Erörterung der sog. fremdseelischen Erkenntnis, beim Versuch also, das Verstehen zu verstehen, bietet sich ein Blick über den Tellerrand der akademischen Psychologie und Psychoanalyse an sowohl zur Neurobiologie als auch zur Philosophie. Beide Disziplinen zeigen, dass die alltagssprachlich oft konfundierten Begriffe „Mitgefühl“ und „Einfühlung“ unterschiedliche Formen der Erkenntnis meinen. In der Antike wurde diese Differenzierung vorgenommen als „Sympathie“ und „Empathie“.

Montag, 22. November 2021

Abschied - Stufe für Stufe, dann auch gerne

Reaktion auf den Post „Abschied - stufenlos, aber ungern

Der Post zum Thema Abschied hat mich auf verschiedenen Ebenen oder auch Stufen sehr berührt. Viele kennen das Stufengedicht von Hermann Hesse, viele zitieren es bei Verabschiedungen, fokussieren dabei auf die Hoffnung, überspringen jedoch den Abschiedsschmerz, bei sich selbst sowie beim Anderen – man könnte meinen als Versuch, nicht traurig zu sein bzw. die Traurigkeit des Anderen aushalten zu müssen und stattdessen nach vorne zu blicken, auf den „Neubeginn“, z.B. beim Übergang in das Erwachsenenalter. So heißt es in dem Gedicht „Tapfer hörte ich mein Leben rufen“ – also was soll schon passieren mit dem „Zauber, der mich beschützt und mir hilft zu leben“? Über den Verlust des „heimischen“ und „traulichen“ hinwegzuschauen und stets bereit zu sein für „Aufbruch und Reise“, um nicht in „lähmender Gewöhnung zu erschlaffen“, kann Folgen haben, wenn auch zunächst vielleicht nicht sichtbar. Manchmal ist es einem schlichtweg nicht (bewusst) möglich, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen. In einer derart (selbst-)optimierungsgefärbten Gesellschaft funktioniert man eben weiter mit Appellen an die eigene Aufbruchs- sowie Leistungsbereitschaft und hoffentlich daraus folgenden Erfolgserlebnissen, die das Gefühl von Kontrolle vermitteln. Man leistet, nie genug, aber doch genug, um immer mehr zu wollen – bis man irgendwann merkt nicht anzukommen.-

Ich glaube, dass dies einen inneren, einsamen Kampf beschreibt, den vermutlich viele junge Menschen an einer solchen Schwellensituation durchleben. Wohin mit all den Gefühlen des Abschiedes, des Verlustes, des Unklaren mit all dem (vermutlich) noch nicht Verarbeiteten aus Kindheit und Jugend? Viele gehen in die Ferne, um die Ablösung mit einer möglichst hohen Kilometerzahl zu erreichen und das Ihre zu finden. Doch was, wenn das nicht gelingt? Wenn man in der Ferne das „Trauliche“ nicht wiederfindet, aber braucht? Dann braucht man vielleicht doch einen geschützten Raum, der zur „Gewöhnung“ wird, einen Platz für einen selbst und ein Gegenüber, das diese Ohnmacht mit-aushält, das zuhört, glaubt sowie versteht, spiegelt, validiert, also anerkennt sowie bestärkt und somit das Alleinsein weniger allein anfühlen lässt: „Der Grund, warum der Patient sich einen Vater wünscht (und einen Analytiker braucht), ist der, dass er ohne eine befriedigende Beziehung zu einem anderen Menschen nicht zu einem sich entwickelnden Ich werden, sich nicht selbst finden kann.“ (Guntrip 1968, S. 174).

Sonntag, 10. Oktober 2021

Erinnerungen an meine "2. Lehranalyse"

Ich erinnerte mich heute an Wolfgang Loch, den ich mir aussuchte, zu dem ich unbedingt fahren wollte, den ich als Lehranalytiker ausgewählt hatte, für die sogenannte Lehrtherapie, um in einer analytischen Gesellschaft aufgenommen zu werden, und nicht nur das, um auch das psychoanalytische Verfahren in einem komplizierten Rahmen anwenden zu können (Kassenleistung, Weiterbildung usw.).
Ja, und um in bestimmten analytischen Gesellschaften für gut genug befunden zu werden, was mit einer außerordentlichen oder ordentlichen Mitgliedschaft verknüpft sein kann, muss der Lehranalytiker auch in der Gesellschaft anerkannt sein. 
Nun, ich wollte zu Professor Wolfgang Loch, dessen Humor und dazu die fehlende Arroganz eins Auserwählten mich begeisterten. So anders als die meisten Psychoanalytiker, die mir in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft begegneten. Das ist lange her. Professor Cremerius ausgenommen...
Nun, und heute die Erinnerung an eine wichtige Begegnung mit Professor Wolfgang Loch? Ja, Wolfgang Loch war auch Professor und zuletzt an der Universitätsklinik Tübingen, wo er die Abteilung Psychoanalyse aufbaute. Er war es, der 1971 den ersten Lehrstuhl für Psychoanalyse an einer medizinischen Fakultät erhielt. Aber das war für mich nicht so wichtig, er war für mich ein Mann, der nicht nach Sicherheit in einer Fachsprache suchte. Der sein Erleben auch in einer Arbeitsgruppe in einem Vortrag ernst nahm und manches riskierte.

Samstag, 24. Juli 2021

Abschied, stufenlos aber ungern

“Da hast du aber nochmal Glück gehabt!”, schien mir schon lange paradox, wo es doch verwendet wird, wenn man in erster Linie ganz schön Pech gehabt hat. Irgendwas wird hier übersehen. Mir scheint, die Glückwünscher wollen sich beruhigen, dem Pechvogel etwas vorwerfen, aber das Pech, das Unglück wird mit einem Ruch von „selber schuld“ weggewischt. 
Ich habe das Gefühl, dass mit dem Trost-Gedicht “Stufen” von Hermann Hesse etwas Ähnliches auf ähnliche Art weggewischt wird. Was ist das für eine Forderung mit “muss” zu einer soldatischen Bereitschaft des Herzens zu Abschied und Neubeginn - ohne Trauer? Wieso muss hier Trauer vermieden werden? Und dann das geflügelte Wort aus den “Stufen”, der “Zauber” des Anfangs, “der uns beschützt” - vor was? Vor der Trauer? Das klingt für mich nach magischem Denken, nach Ungeschehenmachen, nach sanften Worten für ein “Augen zu und durch”. Da wird doch eine Stufe übersprungen?!

Freitag, 9. Juli 2021

Seelenkalender

Ein Abschiedstext erfordert eine Menge Antizipation. Wie ist es, wenn eine Person nicht mehr da ist? Letztlich wird das Fehlende erst dann klar, wenn es tatsächlich fehlt. Und wie in psychischen Strukturen merkt man häufig kaum, dass es da ist, solange es da ist: Die Kohärenz des Selbst spürt man eher, wenn sie beginnt, an den Rändern zu fragmentieren. Die Bedeutung eines Vaters oder einer Mutter häufig erst, wenn sie fehlen.
Frau Normann hat den HIP Blog im August 2016 ins Leben gerufen mit einem Artikel namens „Engels Entdeckung“ und einem auch für diesen Anlass recht passenden Bild, einer Torte mit der Aufschrift „In Memory“. Ganz diesem Artikel folgend mache ich einen Eintrag in meinen „Seelenkalender“ – allerdings nicht in roter Schrift.
Fünf Jahre lang war der HIP Blog unabdingbar mit Frau Normann verbunden. Ich erinnere mich noch, wie Frau Normann mich darauf ansprach, ob ich daran mitwirken möchte. Wenn ich mich recht erinnere, war das beim Sommerfest des HIP 2016. Ich weiß noch, dass mir die Idee gefiel und es mir als eine wundervolle Art erschien, auch aus meinem selbstgewählten Schweizer Exil mit dem HIP verbunden zu bleiben und dazu noch ein wenig „low key“ Texte schreiben zu können.